Montag, 28. Juli 2008

Geschichten aus dem Alltag: Gleichbehandlung


Das letzte Wochenende war ich in Bangalore mit meinen französischen Freunden, Katy und Olivier, ich betone dies deswegen so besonders, denn wie ihr auf den Fotos erkennen könnts, schauen sie nicht wirklich so aus. Sie kommen von Reunion Island, ist eine kleine Insel neben Mauritius, mit ca. 800.000 Einwohnern. Die Ursprünge der Bevölkerung sind ziemlich bunt gemischt, man findet alle “farben“ vor, aber alle sind Franzosen und fühlen sich auch als solche. Speziell Olivier schaut ziemlich indisch aus und wird hier auch dementsprechend behandelt. Oft wird er in Tamil (= ist hier in Tamil Nadu die Landessprache) angesprochen oder wenn ich was in English frage, geben sie ihm in Tamil die Antwort. Aber leider muss er auch die negative Seite spüren, dass er ignoriert, oder auch übergangen wird. Hier in Indien ist es noch immer was spezielles, wenn man weiß ist, oder auch wenn man Weiße kennt und man kann fast überall die Veränderung merken, wenn sie mit einem sprechen. Warum ich das jetzt so besonders beobachten kann, liegt daran, dass ein Europäer, der mit allem was dazu gehört, als solcher aufgewachsen ist, das gleiche Leben wie wir gewohnt ist, auf einmal als nicht ein solcher behandelt wird und Olivier natürlich auch darüber spricht. Meine ganzen indischen Freunde, erwähnen diese Dinge nicht, denn sie sind damit groß geworden, für sie ist es normal. Wenn wir in einer Runde sitzen und man vorgestellt wird, kommen immer zuerst die “anders ausschauenden“ und dann die Inder, oder auch wenn wir zusammen sitzen und uns neue Leute beiwohnen, wird das Interesse sich mit Olivier zu unterhalten erst dann geweckt, wenn wir ihn als Franzosen vorstellen. Es ist trauig zu beobachten, wie wenig Respekt und Interesse sie an ihren eigenen Leuten haben und mit welcher Aufgeschlossenheit und Neugierde sie uns gegenüber treten. Aber das ist auch ein Grundcharakterzug der Inder, mit dem was er hat, zufrieden zu sein und gar nicht daran zu denken, über den Tellerrand zu blicken, also in dem Fall, Interesse an neuen Freunden zu haben, denn wer weiß, wer oder was sich dort verbirgt… ist auch einer der Hauptgründe warum sie nicht verreisen, denn wer weiß, was man dort zum essen bekommt und dann die Leute… und die Sprache, alles ganz anders… bitte nicht lachen, dass habe ich jetzt schon öfters zu hören bekommen, wenn sie so mitleidsergend festestellen, dass ich jetzt schon mehr von ihrem Land gesehen, habe als sie selber und ich sie darauf frage, warum sie denn nicht verreisen.
Als ich mit Jakob im Norden herum gereist bin, konnten wir auch das Negative des “weiß seins“ feststellen, denn teilweise sind wir uns wie Affen im Käfig vorgekommen, die überall hergezeigt werden, weil es ist ja ganz was besonderes ist, wenn man so “einen“ Gast hat. Ich möchte jetzt nicht undankbar klingen, denn alle Familien waren immer super lieb zu uns, aber viele der Besuche mussten wir wirklich nur aus diesem Grund hinter uns bringen, schnell hin fahren, Tee trinken und nach 10 Min wieder gehen… damit uns alle sehen können.
Die Inder sehen die Weißen als die Reichen, auf die sie aufschauen müssen und denen man Respekt entgegen bringen muss, sie feiern zwar am 15 August ihren Independence day, aber es wird noch etwas dauern, dass sie auch in ihren Köpfen frei werden… ich glaube auch ein Grund, warum man bei den Indern so ein unterschiedliches Behandeln untereinader feststellen kann, ist das Problem mit ihrem Kastensystem und sie so ihre eigenen Leute ja nicht einmal als Gleichwertig ansehen, bzw den gleichen Respekt entgegen bringen, denn was ist schon einige Reinigungskraft, die muss man nicht grüßen, wie soll es da jemals zu einer Gleichbehandlung zwischen weiß und indisch kommen…

…da wären wir wieder bei gleich und gleicher…

Ich bin nur froh, dass meine Freunde schon etwas weiter sind und es für sie keine Unteschiede zwischen weiß und indisch oder zwischen den Kasten, zumindest hier im Alltagsleben, gibt. Denn leider müssen sie sich viele ihren Familien anpassen und auch für sie ist eine Heiat zwischen den Kasten nicht möglich.

Dienstag, 8. Juli 2008

Geschichten aus dem Alltag: Religion

Hier in Indien ist mit Abstand die Hauptreligion der Hinduismus, gefolgt vom Islam, dann Christen, der Buddhismus, die Sikhs, der Jainismus und die Parsen.
Ich hoffe ihr erwartet euch jetzt nicht eine Erklärung des Hinduismus, denn dazu bin ich nicht in der Lage, auch nicht nach meinen 7 Monaten Idnien, aber auch, wie ich schon öfters festgestellt habe, die Inder nicht. Es fangt ja schon damit an, dass wenn man in einen Tempel hinein geht und die Inder fragt, welchem Gott dieser den jetzt geweiht sei, bekommt man die unterschiedlichsten Antworten, denn für die Götter, wie Shiva, Lakshmi, Parvati, Vishnu, u nur ein paar zu erwähnen, gibt es nicht nur eine Darstellungsform und einen Namen, nein, auf Grund der etlichen Reinkarnationen nehmen sie die verschiedensten Gestalten an und heißen dann natürlich jedes Mal anders, aus diesem Grund sind auch teilweise die Inder verwirrt und wissen nicht wirklich, welcher Gott das jetzt eigentlich ist. Ich habe für mich eine kleine Hilfestellung gefunden, es gibt für jeden Gott ein Tier, welches immer in der Nähe des Gottes zu finden ist, egal in welcher Erscheinungsform, wie zum Beispiel für Shiva der Bulle, also wenn ich den Bullen sehe, weiß ich, dass ist ein Shiva Tempel.
Bevor ich nach Indien gekommen bin habe ich mir gedacht, ok es gibt Kasten, aber keiner wird mehr danach leben, na ja da war ich zu gutgläubig! Rein rechtlich und gestzlich gibt es hier in Indien keine Kasten mehr, denn sie wurden abgeschafft, aber in Wirklichkeit sind sie noch immer vorhanden und fast alle Leben, leider, noch immmer nach den Regeln.
Das komplette indische Leben ist nach den im Hinduismus vorhandenen vier Hauptkasten,
die Brahmanen, oberste Kaste, Priester usw.,
die Kshatriyas, Adel und Krieger,
die Vaishyas, Bauern, Händler und
die Shudras, Handwerker und Taglöhner und dann
noch hunderte Unterkasten, ausgerichtet.
Jede Kaste hat ihre Regeln und Vorschriften und somit weiß jeder Inder was er tun darf und was nicht, auch welchen Beruf er erlernen kann, wen er heiraten wird, also das ganze Leben ist vorgegeben, und man sollte sich auch an diese Regeln halten, damit man im nächsten Leben in einer besseren Kaste wiedergeborgen wird. Die Ehepartner werden nach Kaste von den Eltern ausgewählt und ein Mädchen darf nie einen Burschen aus einer tieferen Kaste heiraten. Meine Freunde Shirish, Vivek und Maddy kommen aus drei verschiedenen Kasten und man merkt wirklich am Verhalten und auch bei den Diskussionen von welcher wer kommt. Shirish ist ein Brahmane, ist auch immer ganz ruhig und gelassen, sieht in jedem und überall nur das Gute, würde nie was machen, was andere nicht wollen, Vivek ist eher der Kämpfer, ist auch in der Klassensprecher und Maddy ist ein Vaishyas, er kommt sich dauernd übergangen vor, alle sind gegen ihn usw..
Shirish kommt, wie gesagt aus der obersten Kaste, sind sicher die Gläubigsten und die absoluten Vegetarier, ich habe noch keinen Brahmanen kennen gelernt, der Fleisch ist, im Gegensatz dazu Essen viele aus den anderen Kasten schon auch Fleisch, aber nur Hendl oder Schaf.Nur zur Erklärung, in Indien isst ein Vegetarier kein Fleisch und keine Eier, aber er trinkt Milch und isst Joghurt, denn das ist notwendig, für die Gesundheit, speziell für die Verdauung. Die Vorschrift, dass ein Brahmane nur neben einen Brahmanen essen darf und auf deren Tisch kein Fleisch gegessen werden darf, gibt es Gott sei Dank nicht mehr, wir können alle nebeneinander im Lokal essen.
Das Alkohol absolut verboten ist, muss ich glaub nicht mehr erwähnen, obwohl gekostet haben sie noch Alle von meinem Bier.
Leider gibt es auch noch immer die Kastenlosen, die Dhalits, die stehen außerhalb dieses Kastensystems, sind die Schutzlosen und wurden auch von Gandhi als die Kinder Gottes bezeichnet. Sie sind für alle “Drecksarbeiten“ wie Kloputzen, Müll entsorgen, Leichenwäscher usw. zuständig und ihnen war bwz. ist jegliche Schulausbildung untersagt. Per Gesetz dürfen sie nicht mehr unterdrückt werden, aber ja Papier ist geduldig. Man trifft sie noch immer überall, auf den Bahnhöfen, auf den Strassen, die Kinder werden nur zum betteln erzogen usw., ich bin immer in einem Glaubenskonflikt, soll ich ihnen was geben, denn ich weiß ja, sie werden nie was lernen können, oder soll ich es lassen, keine Ahnung was richtig ist, ich lasse immer meinen Bauch entscheiden. Eines muss ich aber zugeben, in letzter Zeit erzählen mir viele von den verschiedensten Projekten die gestartet werden, damit die Kinder in die Gesellschaft integriert werden, wie zum Beispiel, dass sie kein Schuldgeld zahlen müssen usw., ist aber halt ein langsamer und schwieriger Prozess, denn die Gesellschaft muss diese Menschen als Gleichwertig akzeptieren und nicht mehr auf sie runter schauen, sonst wird es nie funktionieren. Wenn man auf einem Bahnhof, oder egal wo, steht und beobachtet, merkt man sofort, wenn ein Inder mit einem Dhalit spricht, null Respekt und er wird wie das Letzte behandelt. Das andere Problem ist aber auch, dass die Regierung jetzt fixe Schulplätze und auch Arbeitsplätze in der Regierung reserviert hat, somit werden sie jetzt bevorzugt und bekommen deswegen wieder Haß zu spüren …
Ein anderer Mythos sind auch noch die Sikh’s, da gibt es ja die Ärgsten annahmen, wer und was die sind, manche glauben sogar, dass es Moslems sind! Vom äußeren Erscheinungsbild sind es jene Inder, die man mit einem Turban sieht, bzw. die Burschen haben diesen Knödel am Kopf. Die Frauen haben kein besonderes Merkmal, sind frei.
Die Sikh’s glauben an eine Mischform zwischen Moslem und Hinduismus, sie haben aber keine Kasten und nicht diesen Götterwahn. Sie akzeptieren alle anderen Religionen als gleich wichtig und dürfen niemaden deswegen diskreminieren, die Frauen haben den gleichen Stellenwert wie die Männer. Bezeichnend sind die 5 K’s (K kommt von den Hindi Wörtern J ), die die Männer immer bei sich tragen sollten: ein Dolch, ein Holzkamm, ein Eisenarmband und ungeschnittene Haupt- und Barthaare, das abschneiden der Haare ist verboten, darum tagen die Männer einen Turban, denn darin sind ihre Haare eingewickelt. Heute lassen eigentlich die Männer nur noch die Kopfhaare wachsen und die Barthaare werden immer wieder gestutzt. In Delhi durften der Jakob und ich die 300 Jahresfeier eines Sikh’s Tempel miterleben, Jenny hat diesen Tag ja lieber am Klo verbracht, dabei konnte wir beobachten, dass sie auf der Strasse für “alle“ Essen ausgeteilt haben und es nicht nur ihres gleichen gegeben haben, sie sind wirklich absolute tolerante Menschen, die niemanden bevorzugen.

...manchmal kommt mir das Leben der Inder wie ein Theaterstück vor, die Religion ist hier sozusagen der Regisseur in ihrem Leben und sie müssen versuchen ihre Rolle, die ihnen vorgegeben ist, gut zu spielen...