Donnerstag, 16. Oktober 2008

Geschichten aus dem Alltag: Villegeleben


Dieses Wochenende war wieder einmal ganz was anderes, ich habe wieder ganz ein neues Indien kennen gelernt – wahrscheinlich das “simpelste“ bis jetzt.
Ich bin dieses Wochenende mit Roopa zu ihrer Familie gefahren, sie kommt aus Karnataka, in der Nähe von Hubli, ist so ca. auf der Höhe von Goa, aber nur im landesinneren.
Die ersten beiden Tage haben wir bei ihrem Onkel in Sirsi verbracht, haben uns die JOKH Wasserfälle angeschaut, waren beeindruckend, sind doch ziemlich groß und ich finde Wasserfälle einfach faszinierend, die Kraft die dahinter steckt. Am zweiten Tag waren in einer Tibetischen Kolonie. Das war mein Wunsch dort hin zu fahren, ist wirklich eine rein tibetische Ansiedelung, mit zwei Klöster, von Volksschule bis Uni alles vorhanden und sie haben auch ein eigenes Spital. Zu Mittag habe ich dann den Wunsch geäußert gute Momos essen zu wollen, na ja da haben dann der Onkel und die Tante von Roopa die typische indische Reaktion gezeigt, dass kennen sie nicht und somit essen sie es nicht, obwohl ich ihnen versichert habe, dass da kein Fleisch drinnen ist usw., aber zumindest hat der Onkel sie probiert… Roopa war begeistert und hat sie gern gegessen. Das Essen ist für die Inder wirklich ein großes Problem, das ist auch ein Hauptgrund, warum sie nicht gern herum reisen, weil sie dann “ihr“ essen nicht bekommen, auch nicht von Südindien in den Norden, nicht lachen, das ist ernst, so sind sie meine Inder.
Dann sind wir weiter zu Roopa nach Hause, sie kommt aus einem kleinen Bergdörflein, mit ca. 800 Einwohner, gefahren. Es war unglaublich, nach nur drei Stunden Busfahrt haben wir uns auf einmal in einer ganz anderen Welt befunden. Ihr zu Hause ist ein ganz einfaches Villagehaus, mit wirklich absolut nur dem notwendigsten vorhanden.
In der Küche wird noch auf einem Ofen ohne Abzug gekocht, dementsprechend verrußt und dunkel ist das ganze Haus und man wird jeden Tag von einer Rauchwolke aufgeweckt. Der Haushalt ist auch ganz einfach, die Mutter hat z.B. keine Messer wie wir sie kennen, sondern bearbeitet alles mit einem Schneidebrett, ist ein Holzbrett, auf dem sie sitzt und auf dem eine sichelförmiges Messer angebracht ist, dauert natürlich dementsprechend lange, alles zu zubereiten. Es gibt zwei Schlafräume, einen für den Vater und der Zweite ist für die Mutter und die Kinder, im Moment ist aber nur ein Bruder von Roopa ständig zu Hause, denn der andere und ihre Schwester studieren auch und kommen nur in den Ferien nach Hause. Wir haben ganz einfach auf Decken, am Boden geschlafen, denn es gibt nur drei Betten im Haus und in den Zimmern gibt es nur einen Kasten, der Rest wird einfach auf gespannten Stricken aufgehängt. Die Familie hat einen Fernseher, aber zum Beispiel keinen Radio. Extra für mich haben sie in die Küche einen Tisch und Sesseln gestellt, denn sie haben nicht gewusst, dass für mich das am Boden sitzen und essen, so wie sie es normalerweise immer machen, kein Problem ist, nur nebenbei, die Mutter ist nie bei uns am Tisch gesessen, sondern immer nur am Boden. In den traditionellen Familien essen auch zuerst die Gäste, dann die Kinder und der Ehemann und die Mutter ganz zum Schluss, alleine. Das Badezimmer auch ganz minimalistisch, es gibt es einen Wasserbehälter, der von außen mit Holz und Kokosnussschalen für warmes Wasser beheizt wird und gewaschen wird mit der Kübeltechnik. Wenn es gut geht haben sie im Dorf in der Früh und am Abend, für jeweils ein oder zwei Stunden Strom, die drei Tage, die ich dort war, hat es nur einmal am Abend Strom gegeben. Auf Grund der Stromprobleme sind wir jeden Tag um neun oder halb zehn schlafen gegangen, denn was soll man sonst tun. Sie haben zwar eine Solaranlage am Dach, somit gibt es aber nur Licht, aber das war es auch schon. Tagwache war aber dafür schon um sieben.
Ich habe es genossen, das einfache Leben, war schön zu erleben, sich wieder einmal was das Mindeste zu reduzieren und zu sehen was man eigentlich wirklich zum leben braucht. Was mir aber wirklich zum denken geben hat, war die Vorstellung, dass Roopa’s Mutter noch nie in einer Großstadt war, sie hat wirklich keine Ahnung was in der großen weiten Welt los ist, was wir für Probleme haben, wenn wir mal keine Internetverbindung herstellen können, denn sie hat ja nicht einmal ein Mobilnetz in ihrem Dorf. Sie lebt mit ihrer Katze, ihrem Hund und ihren drei Büffeln in ihrer Welt und wäre sicher todunglücklich, wenn man sie auf einmal in eine Stadt schicken würde. Im Endeffekt sind es zwei Welten, das Villageleben und alltägliche Leben, wie wir es erleben, die von den Kindern verbunden werden, nur ist die Frage, wer in Zukunft in solchen Dörfern wohnen wird, denn die Brüder von Roopa haben mir keine Antwort, auf die Frage, ob sie einmal in ihrem Dorf und sich um die Felder kümmern werden, wohnen werden.
Die zweite Geschichte die ich an diesem Wochenende live miterleben durfte, war Roopa’s Arrangement für ihre Hochzeit. Sie hat seit zwei Monaten im Internet und per mobile, mit einem weitschichtig entfernten Verwandten, eine Beziehung, sie ist verliebt über beide Ohren. Sie hat ihn das vorherige Wochenende heimlich getroffen, was aber beide Familien raus bekommen haben und somit war eine oarge Krisenstimmung bei ihr zu Hause angesagt, sie hat sich ziemlich vor ihrem Vater gefürchtet. Aber auf Grund der Tatsache, dass beide, Roopa und ihr Boy, ihren Familien erzählt haben, dass sie sich lieben und heiraten wollen, war es dann nicht ganz so schlimm und nach zwei Tagen diskutieren war auch der Vater von Roopa mit der Hochzeit einverstanden, denn auf Grund des Verwandtschaftsgrades kommen beide aus gleichen Brahmanen Kaste und somit spricht nichts dagegen. Roopa hat jetzt gemeint, dass meine Anwesenheit viel dazu verholfen hat, dass alles so gut über die Bühne gegangen ist, denn im Normalfall hätte es von bösen Streitereien bis zu Schlägen alles gegeben. Am Sonntag haben dann sogar schon die Verhandlungen zwischen den Familien angefangen. Es ist somit eine Liebe-Arrangement Hochzeit. Für die Verhandlung ist von der Boy Seite sein Schwager, ist sozusagen sein Guide, gekommen und von Roopas‘ Familie, zwei ihrer Onkeln und ihr Vater. Sie haben alle zur Hochzeit zugestimmt und ein Datum für die Verlobung vereinbart, sie wird Mitte Dezember stattfinden.
Jetzt bin ich wieder in meiner indischen “normalen“ Welt zurück, aber auch hier spüre ich täglich die Stromprobleme, denn im Moment haben wir zwei Stunden in der Früh, zwei am Nachmittag und auch zwei am Abend, den sogenannten Power-cut, während dessen keine Klimaanlage usw. funktionieren.